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Die vierte Säule bröckelt und wir schauen zu

Schon der Genfer Philosoph der Aufklärung Jean-Jacques Rousseau hat die essenzielle Bedeutung der Presse festgestellt. Laut ihm ist diese die vierte Säule des Staates – neben der Legislative, Exekutive und Judikative. Damit sind alle öffentlichen Medien wichtiger Bestandteil der Gewalteinteilung. In einer modernen Demokratie nimmt Journalismus also eine wichtige Stellung ein. Der Status quo der deutschen Medienlandschaft lässt jedoch Zweifel an der Stabilität der vierten Säule aufkommen. Nur zwei Beobachtungen: Redaktionen werden zusammengelegt und sind personell dünn besetzt. Ausreichend Zeit für die gründliche Recherchearbeit bleibt Journalisten heutzutage ebenfalls nicht. Die vierte Säule bröckelt und wir schauen zu. Eine unabhängige Presse ist jedoch ein gesamtgesellschaftliches Konstrukt, um dessen Fortbestand wir uns alle bemühen müssen

Politiker und Unternehmen als aufmüpfige Hauptdarsteller in Medien

Von Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler Deutschlands, stammt das Zitat: „Mit kleinen Jungen und Journalisten soll man vorsichtig sein. Die schmeißen immer noch einen Stein hinterher.“ Spannung zwischen Journalisten und Politikern gab es also bereits in der Frühphase der Bundesrepublik. Das gehört zum Wesen der Pressefreiheit jedoch hinzu. Umso kritischer ist das aktuelle Agieren von Ministerien und Parteien zu betrachten. Nur um zwei Beispiele zu nennen: Im September 2018 startete das Bundesverkehrsministerium unter Andreas Scheuer (CSU) sein eigenes „Neuigkeiten-Zimmer“. Die SPD-Zentrale holte sich im April dieses Jahres die ehemalige Social-Media-Leiterin von „Bild.de“, Carline Mohr, als Verstärkung in ihren Newsroom. Keine Frage, auch Parteien und Ministerien haben in einer Demokratie das Recht und teilweise die Pflicht, Informationen zu veröffentlichen. Ein Geschmäckle ist jedoch bei der aktuellen Bereitschaft vorhanden, eigene Newsrooms zu etablieren und Pressevertreter außen vor zu lassen. Geschehen ist dies zum Beispiel im März dieses Jahres bei einem CDU-Werkstattgespräch zum Thema Migration. Pressevertreter waren nicht zugelassen – ausgenommen Mitarbeiter des parteieigenen Kanals „cdu.tv“.

Auch bei einigen Unternehmen hapert es hier und da mit der Akzeptanz von Pressefreiheit. Wie es nicht funktionieren sollte, hat Volkswagen im Januar dieses Jahres gezeigt. VW lud Journalisten zu einer Modellpräsentation ein. Die Journalisten sollten nach Teilnahme ihre Berichte von der Konzern-Pressestelle absegnen lassen. Ein Unding, das den Namen Zensur redlich verdient.
Es ist ein Paradox: Einerseits wünschen sich Politiker und Unternehmen, ihren Namen in der Presse zu lesen. Andererseits reagieren die Akteure teilweise pressefeindlich, sollte die Berichterstattung in ihren Augen nicht passen. Bei der anschließenden Reaktion verlieren Politiker und Unternehmen manchmal das Wichtigste aus den Augen: transparente Kommunikation. Einer Klenk & Hoursch Studie zufolge sagten 89 Prozent der Befragten, dass Unternehmen transparent sein müssen, um Vertrauen zu gewinnen oder zu erhalten. Das gilt genauso – wenn nicht sogar mehr – für Politiker. Dabei sollten sie sich auch das Zitat des britischen Journalisten und Organisators des Nordwestdeutschen Rundfunks, Sir Hugh Carleton Greene, in Erinnerung rufen: „Nennen Sie mir ein Land, in dem Journalisten und Politiker sich vertragen, und ich sage Ihnen, da ist keine Demokratie.“

Rezipienten der Medien sind wir alle

Mit Sorge las ich im April dieses Jahres den jährlichen Report zur Pressefreiheit in Deutschland von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG): „Deutschland ist auf der Rangliste um zwei Plätze vom 15. auf den 13. Rang gerückt. Dies liegt jedoch vor allem daran, dass sich die Situation in anderen Ländern verschlechtert hat. Die Zahl der tätlichen Angriffe gegen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland ist 2018 sogar gestiegen.“ Angriffe jeglicher Art und jeglichen Ursprungs gegen Medienvertreter sind Angriffe gegen die Demokratie. ROG beschreibt die Lage in Deutschland in Bezug auf Pressefreiheit in ihrem Report 2019 zum Glück noch als „gut“. Dass sich das schnell ändern könnte, zeigt ein Blick auf ein Nachbarland: Österreich verschlechterte sich im Vergleich zu 2018 um fünf Plätze und belegt nun den 16. Rang. Der Grund laut dem Report: Seit der Regierungsbeteiligung der Rechtspopulisten hätten pressefeindliche Rhetorik sowie Drohungen gegen Journalisten stark zugenommen. Nach der Ibiza-Affäre im Mai dieses Jahres kam es jedoch zum Bruch der Regierungskoalition von ÖVP und FPÖ.

Aber nicht nur die Einstellung zu Journalisten, auch die Einstellung zur Zahlungsbereitschaft muss sich ändern. Einer im Januar dieses Jahres veröffentlichten Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC zufolge haben nur 20 Prozent der Befragten schon einmal für Online-Inhalte von Medien bezahlt. In Anbetracht der digitalen Entwicklung der Medienlandschaft ist dies zu gering, um qualitativen Journalismus zu gewährleisten. Das ist übrigens auch das, was die Befragten eindeutig erwarten: Die Qualität der Berichterstattung im Internet muss stimmen. Das ist natürlich die Aufgabe der Verlage und Journalisten.

Verlage und Journalisten sind auch keine Heiligen

Verleger und Journalisten sind ebenso Menschen, die Fehler machen. Für diese müssen sie einstehen. Spätestens nach dem „Spiegel“-Fälschungsskandal rund um Claas Relotius ist das Vertrauen der Öffentlichkeit in den deutschen Journalismus bedeutend geknickt. Die Gier nach Ruhm vernebelte Relotius die Sicht auf den wichtigsten Aspekt: Journalisten dienen der Wahrheit und nicht dem eigenen Ruhm. Ebenso beachten sie das Zwei-Quellen-Prinzip und schätzen Genauigkeit höher als Schnelligkeit ein. Letzteres ist seit der Digitalisierung der Medienlandschaft ein durchaus schwieriges Unterfangen. Es zählt leider oft, welches Medium die News zuerst veröffentlicht. Klassische Journalisten müssen auch Acht auf unter anderem Webvideoproduzenten, wie Rezo, geben. Millionen von YouTube-Videoaufrufen sind der Beweis, dass sich junge Leute anderweitig informieren. Für Medienvertreter sollte dies ein weiterer Ansporn sein, sich den journalistischen Tugenden vollends zu verschreiben. Wenn genügend Geld für saubere und ausführliche Recherchearbeiten vorhanden ist, sollte dies problemlos möglich sein. Das ist eine Aufgabe der deutschen Verlage. Diese ruhen sich jedoch oft auf ihren verwelkten Lorbeeren aus. Ihre Abo-Modelle sind dem digitalen Zeitalter nicht gerecht. Oft reicht ein Blick auf die „New York Times“ (NYT), die mit ihrer Digitalstrategie fortlaufend neue Digital-Abonnenten gewinnt. Dazu gehört unter anderem das Abo-Einstiegsangebot von einem Dollar pro Woche. Der Status quo des dritten Quartals 2019: 4.053.000 Digital-Abonnenten sowie 116 Millionen Dollar Umsatz dank der Digital-Abos – ein Plus von 14,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Dass deutsche Verlage dieses Erfolgsmodell langsam erkennen, sieht man zum Glück bereits bei den digitalen Angeboten von Axel Springer und seit kurzem bei der „Süddeutschen Zeitung“. Die neuen Eigentümer des Berliner Verlags (unter anderem „Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“), Silke und Holger Friedrich, wollen den Verlag digital fit machen. Mit dem neuen Onlineauftritt der „Berliner Zeitung“ hat das Ehepaar schon einmal ein Fundament gelegt.

In Hongkong gehen die Menschen weiterhin auf die Straße – trotz des Erdrutschsieges der pro-demokratischen Kräfte Ende November. Sie kämpfen für Demokratie und damit auch für eine unabhängige Presse. In Deutschland demonstrieren Tausende für den Klimaschutz – ein ebenso wichtiges Thema. Doch stellt sich unweigerlich die Frage, wann für die vierte Säule auf die Straße gegangen wird. Denn ohne Journalisten wird es irgendwann einmal keine Berichterstattung über die Ziele von vielen Demonstrationen geben.

Von Philipp Bieschke

 

Über den Autor:

Philipp Bieschke ist Communications Manager bei der Berliner Kommunikationsagentur schoesslers. Zuvor war er journalistisch unter anderem für die Regionalzeitung „Passauer Neue Presse“ sowie für den Regionalfernsehsender „Donau TV“ (heute „Niederbayern TV“) tätig. Daneben war er Gründer und Inhaber eines Onlineshops für die digitale Distribution von PC- und Videospielen.